Drei Hebebühnen und viel Mut

Ein Autohaus geht pleite - wie ein Gekündigter
zum Chef einer Autowerkstatt wird

Von Michael Tibudd

Es waren schwere Tage für die Be­schäftigten von Buchner+Linse, im Früh­jahr 2009. Die Wirtschaftskrise war he­reingebrochen, und sie traf die Mitarbei­ter des Autohauses hart, da half die Ab­wrackprämie wenig. Insolvenzantrag im Februar, und dann langes Bangen. Kommt ein Investor? Für die Automag, die BMW-Abteilung des Hauses, kam er denn auch, der BMW-Konzern verleibte sich den Händler ein, der Betrieb ging weiter. Dagegen hatte für die Renault-Spezialisten von Buchner+Linse nie­mand etwas übrig. Die Folge: Betriebsschließung, zum 30. April wurden alle zu­letzt rund 30 Mitarbeiter gekündigt.

Schrauben am Erfolg: Existenzgrün­der Helmut Hinz (rechts) und Mitarbei­ter Burhan Ibraimi. Foto: Rumpf

Nicht unbedingt eine Situation, aus der heraus ein Mann Mitte fünfzig Kraft für einen Neuanfang schöpft, zumal wenn er zuvor mehr als 40 Jahre lang in der selben Firma gearbeitet hat und der Weg bis zur Rente vorgezeichnet schien. Wer bekommt in dem Alter noch einen Job auf dem rauen Arbeitsmarkt? In ei­ner Branche, in der es im vergangenen Jahr eine ganze Reihe von Schwierigkei­ten gab - die Insolvenz bei Kroymans et­wa oder auch die Betriebsaufgabe von Niedermair & Reich? Auf die Suche nach einer Stelle machte sich Helmut Hinz, langjähriger Kundendienstleiter bei Buchner+Linse, denn auch nicht, als sich das Ende bei seinem Arbeitgeber abzeich­nete. „Mir war klar: Wenn die Firma zu macht, dann versuche ich, mich selbstän­dig zu machen“, sagt der 57-Jährige ein dreiviertel Jahr später.
Helmut Hinz sitzt an seinem Schreib­tisch, in seinem Büro, in seiner kleinen Werkstatt, Dachauer Straße 558 ganz weit im Münchner Norden, und das be­deutet natürlich: Es hat geklappt. Seit Anfang Januar ist Hinz Chef seines eige­nen Reparaturbetriebs mit zwei Mitarbei­tern die beide auch bei Buchner+Linse für ihn gearbeitet haben und die er dort beide schon als Lehrlinge eingestellt hat.
Hinz hat ein paar Räume im Gebäude einer Tankstelle gemietet und sich eine technische Ausstattung gekauft, mit der er nun Autos aller Fabrikate warten und reparieren kann: drei Hebebühnen, ein Gerät zur Motordiagnose, eines zum Mes­sen der Abgasqualität. Er kann Klimaan­lagen warten, Reifen montieren und die Bremsleistung prüfen und hat auch so allerlei Werkzeug, das helfen soll für Service jeglicher Art.
„Das kostet natürlich alles eine Meng Geld“, sagt Helmut Hinz. Rund 70,000 Euro brauchte er als Erstkapital für Apparate, Computer, erste Miete und Gehälter. An einen entsprechenden Kredit zukommen - in Zeiten der Bankenkrise kein leichtes Unterfangen, schließlich ächzen auch etablierte mittelständische Unternehmen unter verschärften Bedingungen der Geldhäuser. Wie schwer ist es da erst für einen Existenzgründer Mitte fünfzig? „Die Hausbank hat es nicht leichtgemacht“, sagt Hinz denn auch. Eine schnelle und wichtige Hilfe war der Gründerzuschuss der Arbeitsagentur ein Darlehen der Kreditanstalt für Wiederaufbau kam hingegen erst nach zähe Verhandlungen zustande.
Unverzichtbare Hilfe gab es bei alledem von Ehefrau Karolina, die als gelernte Bankkaufrau auch im laufenden Betrieb ein Auge auf die Buchhaltung richtet.
Das junge Unternehmen profitiert davon, dass dem Chef viele frühere Buchner+Linse Kunden in die neue, kleine Werkstatt gefolgt sind, „das stärkt mir definitiv den Rücken“, sagt Hinz. Denen will er zum einen Altbekanntes bieten „Die Servicequalität eines großen Autohauses“ hat er sich auf die Fahnen geschrieben. Aber auch Neues, „die niedrigeren Preise einer freien Werkstatt“, verspricht er.
Mit dieser Lösung macht Helmut Hinz sich auch auf die Suche nach neuer Kundschaft. Praktischerweise befindet sich seine Werkstatt in unmittelbarer Nachbarschaft zu den Großunternehmen MTU und MAN. „Die müssen“, sagt Existenzgründer Hinz mit Blick auf das Mitarbeiter-Parkhaus von MAN, „nur wissen, dass es mich hier gibt.“

Süddeutsche Zeitung 6/7.2 2010